Michael Cechov

Mittwoch, 5. Dezember 2018

Die Performance

In dieser Folge geht es um die szenische Performance Edith Piaf des Stücks "L'accordéoniste" und um die Frage was eine zweite szenische Ebene im gelungen Falle an zusätzlichem Reiz schaffen kann und was ich persönlich gut finde und was vielleicht zu viel ist. In wieweit geht das auch beim Jazz einen Text so zu interpretieren, das eine zweite Ebene entsteht?

Die Piaf hat speziell für diesen Song eine eigene gestische Sprache gefunden.


 Liveauftritt von Edith Piaf "L'accordéoniste" 1954



Edith's Performance

Sie macht die Ansage ganz locker und stellt sich das in Position. Das heißt Arme in die Hüften gestellt dann deklariert sie die erste Strophe im Rubato den sie ganz schön antreibt.
Bei "un accordéoniste" leckt sie sich einen Finger. Manche Bewegungen sind nicht gleich lesbar, vielleicht meint es in diesem Falle die trockenen Finger des Spielers? Im Übergang zum Refrain fächert sie pantomimisch ein Akkordeon auf und hält es wie ein Spieler im weiteren Verlauf wird sie zum zuhörenden Mädchen das gespannt und ergriffen lauscht und ihre Leidenschaft durch die Berührung des Körpers ausdrückt. Piaf geht dann mit den Armen hoch und dann mit den Fäusten wieder runter, jede Bewegung ist klar für sie. Am Schluss der ersten Strophe macht sie eine saloppe Bewegung mit der rechten Hand als ob sie etwas wegwerfen oder jemand einen Klaps geben möchte. Auch wenn diese Bewegungen nicht gleich lesbar sind, haben sie doch eine gewisse Kraft finde ich, weil sie noch eine weitere Ebene schaffen und eröffnen, die eben nicht oft eins zu eins zum Text stehen. Sie nimmt zwar Elemente aus dem Text die man eins zu eins deuten könnte, setzt sie aber wieder so ein, dass sie eben noch mehr erzählen, indem sie sie übertreibt oder leicht abstrakt zeichnet. Sie versucht all diese Bilder sehr einfach und klar zu zeigen.
In der zweiten Strophe geht sie wieder in die Haltung der eingestützten Hände in der Hüfte.
Wieder geht sie mit dem Finger an den Mund, diesmal aber an einer anderen Stelle, ihre Augen sind träumerisch, dann droht sie mit dem Zeigefinger an der Stelle wo der Accordeonist zum Pascha wird..macht dann aber mit einer intensiven klopfenden Geste auf ihre Brust klar, dass der Mann dafür den Java spielen muss, dass sie jetzt dran ist. Man sieht hier sehr deutlich dass sie mit wenig Gesten in die Rolle des Mädchens schlüpft und sozusagen aus deren Perspektive singt. Wieder wird das Akkordeon pantomimisch auseinander gezogen. Hier wiederholt sie was sie schon im ersten Refrain getan hat. Nichts ist völlig aus einer Improvisation oder in dem Moment, alles wirkt überlegt.
Bei "Greve" macht sie mit der rechten Hand eine wütende wegschleudernde Geste, die die Verzweiflung ausdrückt. "adieux tour le beaux reves" fasst sie sich an die Stirn, spielt also immer mehr in der Rolle. "Foutue" wieder eine wegwerfende Geste. Überlegend geht sie nun mit dem Zeigefinger an den Mund. Man sieht auch hier deutlich ihrer Interpretation, wie der Figur hoffnungsvoll einfällt, dass es da ja noch einen anderen Akkordoenspieler gibt. Und auch hier wiederholt sie das Bild vom Akkordeon und das zuhören des Javas ist jetzt schon wie das konsumieren einer Droge, oder die große Erleichterung wieder im Rausch zu sein. Man sieht es leider nicht ganz im Bild, aber ihre Anspannung wird immer größer je schneller der Song wird  und sie beginnt im Takt des Walzers leicht mitzuschwingen (auch wieder abstrakt nicht eine direkte Übersetzung), bis der Schmerz zu groß wird der ihr ins Gesicht geschrieben steht und sie sich die Ohren zuhält um dann ihre Augen im gebeugten Arm zu verstecken.
Dann löst sie auf, man sieht noch ihre Ergriffenheit die auch noch eine Weile andauert bis sie wieder leicht lächeln kann. Edith Piaf!

Was machen andere?

Es gibt hiervon natürlich mehrere Beispiele wie z.B. der hervorragende Charles Aznavour, La Bohéme hier reichert er die Geschichte auch gestisch an, was zwar im ersten Moment eins zu eins wirkt, aber dann doch eine Verfremdung ist. Sehr schöne Idee mit dem Maler. Auch Lotte Lenya hat solche Dinge gemacht (klar sie hat ja auch mit Brecht gearbeitet), und verfremdete Gesten und Geschichten in die Liedinterpretation eingebaut. Finde jetzt leider kein gutes Beispiel. Die spielerischen Momente sind zwar mit dem Song und der Geschichte verbunden, sie erfindet aber komplett neue Situationen und macht so den Song dadurch mehr inhaltlich erlebbar auf eine abstrakte Weise, sehr schauspielerisch und für den Zuschauen mehr ein Hingucker. Das versucht auch Ute Lemper siehe unten.

Neuinterpretation 

Eine sehr spielerische Variante vom Song Accordeonist sang Ute Lemper back in 1992:
 Ute Lemper 1992 sie macht die Situation räumlich sehr groß und zeichnet deutlich die Figur, sie bleibt eins zu eins an der Geschichte und schafft doch abstrakte Momente. Eine spannende Variante auch wenn ich sie für sehr groß halte (undenkbar im Jazz) ist sie künstlerisch auf einem sehr hohen Niveau. Chapeau! Während ihre letzte Interpretation des Liedes 2017 zwar ein schönes Arrangement hat, aber leider zu einer grauenhaft ironische Fassung verfallen ist. Anstatt vielleicht mal zu reduzieren, reproduziert sie  ihre eigene Fassung 1992 völlig überdreht und schafft genau das Gegenteil von dem was Edith Piaf meiner Meinung geschaffen hat. Sie denkt es wäre abstrakt, schätze ich mal, aber sie nimmt den Text nicht ernst, und malt nur statt in der Geschichte zu bleiben.

Deshalb (auch für mich) weniger ist immer mehr. Nur garnichts zu machen finde ich persönlich auch langweilig und unbeseelten Sängern zuzuhören ist für mich oft auch eine Qual. Also was machen? Wie geht das im Jazz

Und im Jazz?
Die einzige die das für mich geschafft hat das alles zu reduzieren aber doch erlebbar zu machen ist Billie Holiday.
Sie arbeitet zwar nicht so viel Gestisch und abstrakt aber mimische Elemente die auch Piaf nutzt sind erkennbar, also denkt sich oft den Text auch sehr inhaltlich und reichert so den Song sehr persönlich an und auch hier entsteht für mich eine Geschichte und eine zweite Ebene.
Billie Holiday "I love you Porgy"
Billie hat sich auch eine gewissen Haltung geschaffen, der rechte Arm ist häufig angewinkelt und schafft rhythmische eine gewissen Eigendynamik. Faszinierend. Meine Interpretation dazu ist, dass sie dadurch oft auch ihre phänomenale Time steuert... anderes Thema.
An ihren Blicken sieht man schauspielerisch genau was sie denkt, wenn sie an Porgy denkt, da ist eine persönliche Beziehung. Wenn man jetzt z.B. an Ella denkt, selbst die direkte und schauspielerische Nina Simon singt eine großartige Interpretationen von "Porgy" die aber weniger schauspielerisch gedacht ist im Gegensatz zu Billie (vielleicht versteht ihr jetzt was ich meine).
Ich finde Billie ist viel differenzierter in der Interpretation des Textes. Sie hat z.b. eindeutig jemand   im Sinn den sie ansingt und schafft dadurch um den Bogen zu Piaf zu bekommen eben einen weitern Anziehungspunkt zusätzlich zu dem was sie mit der Phrasierung etc macht.
Das wäre für mich ein Vorbild für meine Interpretation, mal sehen ob ich das schaffe. Total reduzieren aber trotzdem das gedanklich zu schaffen was Billie Holiday gemacht hat.

 Abschließend möchte ich sagen, als ich in New York war habe ich festgestellt, dass hier getrennt wird zwischen einem Cabaret Sänger (der mehr vom Musical kommt, der auch mehr Chanson singt) und einem Jazzsänger. (der mehr von der reinen Musik kommt)
Auch wenn beide vielleicht häufig das gleiche Repertoire singen, denn die Songs kommen ja bekanntlich vom Musical, spielt der Cabaret-Sänger mehr mit der Sprache und geht oft tiefer in die Geschichte rein (interpretatorisch) statt musikalisch emotional.
Hier noch zwei letzte Beispiele um diesen Unterschied vielleicht klar zu machen am Song
"But beautiful"
Die großartige Julie Wilson zwei Jahre vor ihrem Tod. Spricht sie hauptsächlich noch, aber der Text ist klar strukturiert und überlegt und die Gedanken bleiben am Text glasklar. Wie ich hörte hat sie auch von Billie Holiday gelernt.

Julie Wilson Cabaret Interpretation


Während der (häufig moderne) Jazzsänger oft mehr auf die Musik achtet und die Stimme natürlich.
In dem Fall habe ich jetzt Tony Bennet (naja nicht modern) und Lady Gaga gefunden, bei ihr merkt man deutlichen dass sie sich mehr auf den Gesang konzentriert ist statt auf was inhaltliches in dem Song.

Tony Bennet und Lady Gaga

Eine Version von Frank Sinatra ist was dazwischen muss ich zugeben, gut alte Schule und er hat auch mal n Oskar gewonnen:)

So jetzt sind wir zwar etwas abgedriftet von Piaf und vor allem Europa, aber für mich als Schauspieler war das noch mal wichtig zu beobachten.

Über den Song L'accordéoniste

Dieser Chanson von Michel Emer (Text und Musik) aus dem Jahr 1940 für Edith Piaf geschrieben, ist einer meiner absoluten Favoriten. 


Er beschreibt auf sinnliche Weise eine tragische Geschichte einer jungen Frau, die vom Leben und ihrer Leidenschaft getrieben wird. Eine ihrer Leidenschaften ist der Java
Das Mädchen ist traurig, denn ihr Mann der Akkordeonspieler ist in den Krieg gezogen.
In der Dritten Strophe erfährt man, dass ihr Mann im Krieg gestorben ist und sie nun alleine zurechtkommen muss. Ihr Leben ist zerstört und all ihre Träume. 
Das Mädchen dass als einzigstes die Musik hatte um sich zu spüren und um sich vor der Ungerechtigkeit und Grausamkeit des Lebens in Sicherheit zu bringen, kann am Schluss  selbst diese nicht mehr ertragen."ARRETEZ la musique!"
Ich finde diesen Song ein Meisterwerk was den erzählenden Liedtext angeht. 
Weitere Interessante Informationen gibt es "natürlisch" bei wikipedia über L'accordeoniste 
Hier der original Text:


Dieser wird gespielt von ihrem Mann einem Akkordeon-Spieler auf dem "bal de foubourg" zu dem sich die junge Frau, von ihrem erniedrigenden Job als Prostituierte flüchtet. 
Der Foubourg war eine Art Volksfest in der Vorstadt, bei dem die Menschen tanzten und Musik machten um sich vom tristen Leben abzulenken. 
So auch jene junge Frau. Sie beobachtet ihren Mann den Akkordeonspieler genau, seine langen, trockenen Finger, seine liebe für die Musik, das alles nimmt sie völlig ein und durchdringt sie. Auch wenn sie innerlich tanzen, weinen, lachen und aus sich rausgehen will untersagt sie sich das und unterdrückt jegliche Emotion.

Sie stellt sich vor wie es sein wird, wenn er aus dem Krieg zurück kommt. Der typische Traum der kleinen Familie im Eigenheim. Sie geht anschaffen für ihn und kann dann dafür aber des Abends seinem Spiel lauschen.

In Ihrer Verzweiflung sucht sie nach einen anderen Akkordeon-spieler. Als sie wieder den Java hört durchfährt es sie und jetzt platzt es aus ihr heraus und da sie den Schmerz nicht mehr aushalten kann, möchte sie dass die Musik gestoppt wird. 


"Sophistecated Lady" könnte die Fortsetzung dieser Geschichte sein, ein ähnlich guter Text in dieser Art wie ich finde. Denn die hohe Kunst des Liedtextes, ein kleines rundes Drama im Song zu schaffen, dass dazu eine tiefschichtige Metapher erzählt und eine stimmige Verbindung zur Melodie knüpft ist für mich die hohe Kunst des Songschreibens und ein absolutes Markenzeichen des Chansons. 
Darum ist es für Schauspieler natürlich eine große Freude diese Lieder zu interpretieren. Ich liebe übrigens auch die tollen Texte von Porter, Gershwin, Mercer und Konsorten, weil sie alle auch Meister darin waren.
Als Jazzsänger ist die Herangehensweise glaube ich eher von der Musik geprägt, was mir sehr schwer fällt, da ich den Text nicht in der Weise ignorieren, das heißt so leicht dahinplätschern wie viele das auf hervorragende Weise tun. 
Vielleicht wäre das mal eine Aufgabe das Drama völlig rauszunehmen.
Also sich nicht so sehr in die Rolle hineinzuversetzen sondern eher aus dem Abstand "Was denkt ihr darüber" zu singen. Ein Versuch.



La fille de joie est belle
Au coin de la rue là-bas
Elle a une clientèle
Qui lui remplit son bas
Quand son boulot s'achève
Elle s'en va à son tour
Chercher un peu de rêve
Dans un bal du faubourg
Son homme est un artiste
C'est un drôle de petit gars
Un accordéoniste
Qui sait jouer la java
Elle écoute la java
Mais elle ne la danse pas
Elle ne regarde même pas la piste
Et ses yeux amoureux
Suivent le jeu nerveux
Et les doigts secs et longs de l'artiste
Ça lui rentre dans la peau
Par le bas, par le haut
Elle a envie de chanter
C'est physique
Tout son être est tendu
Son souffle est suspendu
C'est une vraie tordue de la musique
La fille de joie est triste
Au coin de la rue là-bas
Son accordéoniste
Il est parti soldat
Quand il reviendra de la guerre
Ils prendront une maison
Elle sera la caissière
Et lui, sera le patron
Que la vie sera belle
Ils seront de vrais pachas
Et tous les soirs pour elle
Il jouera la java





































Deutsches Klischees des Chanson

Hier zum einstimmen schönes Beispiel, über die Klischees des Chanson die natürlich sehr dicht mit den Klischees über Frankreich verbunden sind
Viel Spaß beim hören

Pigor & Eichhorn: Hauptbahnhof

watch

Der französische Chanson

Welche Worte fallen mir dazu ein:

Verführend, ernsthaft, rau, trocken, rauchig, verspielt, geheimnisvoll, leicht, sanft, schwingend, säuselnd, liebend, traurig, Wellen, drehend, hauchend, intensiv, Brie, direkt, flüsternd, naiv, erotisch, tief, lyrisch, Rotwein, tragisch, Freiheit, fließend, stöhnend, Zigaretten, Genuss, eben französisch.


Für mich als Sänger und vor allem auch als Schauspieler ist dieses Genre am vertrautesten.
Vielleicht lieben wir Deutschen den Chanson so sehr, weil er eine Leichtigkeit besitzt die uns oft so schwer fällt. Die Leichtigkeit gepaart mit einem schweren Text, der übersetzt denke im deutschen viel tragischer wirkt als im Französischen.
Natürlich hat der Chansons auch eine klare Verbindung zum Jazz.
Einer der bekanntesten Jazzstandards „Autumn Leaves“ ist aus einem Chanson entstanden und auch der Chanson bedient sich teilweise der Jazz-Rhythmik und Instrumentierung. Das liegt sicher daran, das dieses Genre, und ich spreche vom klassischen französischen Chanson, im gleichen Zeitgeist der 50er und 60er Jahre gewachsen ist.

Meinen ersten Chanson den ich als Kind bewußt gehört habe kam in einem Film vor.
Edith Piaf sang „Non, je ne regrette rien“. Das eindringliche Walzerthema packte mich und zog mich in die tragische Welt des Liebes/Weltschmerzes und den reißenden Fluss dieses wunderbaren Chansons. Ich weiß noch, dass ich tagelang einen Ohrwurm davon hatte und dieser Song nicht mehr vergessen konnte.
Frankreich ist auch eines der europäischen Länder das mir am vertrautesten ist, obwohl ich weiß Gott noch nicht überall gewesen bin, ist es am leichtesten für mich damit anzufangen.
Die Freundschaft Frankreichs und Deutschlands spielen in der Europäischen Union eine zentralen  verbindende Rolle. Durch die große und zentrale Lage der Länder. Ich fand Macron's Rede zum 100 jährigen Jahrestag 1. Weltkrieg sehr eindrucksvoll und wichtig und ich hoffe auch ein Appell an Europa und die Welt, dass man mit Populismus nicht weiterkommt.

Zurück zum Chanson.
Ich möchte die verschiedene Stil-mittel des Chanson "L'accordeoniste von Michel Emer untersuchen und einen Weg Interpretation finden. Vor allem ein Arrangement selber erarbeiten, was für mich absolutes Neuland ist. Kann man den Chanson deutsch singen? Was für Stilmittel kann ich vom Jazz einbringen um den Song reicher zu machen oder was passt vielleicht überhaupt nicht. 

Also auf zum L'accordeoniste!

Benjamin Schneider Duo. 2.0 17.12.2019

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