Die Piaf hat speziell für diesen Song eine eigene gestische Sprache gefunden.
Liveauftritt von Edith Piaf "L'accordéoniste" 1954
Edith's Performance
Sie macht die Ansage ganz locker und stellt sich das in Position. Das heißt Arme in die Hüften gestellt dann deklariert sie die erste Strophe im Rubato den sie ganz schön antreibt.
Bei "un accordéoniste" leckt sie sich einen Finger. Manche Bewegungen sind nicht gleich lesbar, vielleicht meint es in diesem Falle die trockenen Finger des Spielers? Im Übergang zum Refrain fächert sie pantomimisch ein Akkordeon auf und hält es wie ein Spieler im weiteren Verlauf wird sie zum zuhörenden Mädchen das gespannt und ergriffen lauscht und ihre Leidenschaft durch die Berührung des Körpers ausdrückt. Piaf geht dann mit den Armen hoch und dann mit den Fäusten wieder runter, jede Bewegung ist klar für sie. Am Schluss der ersten Strophe macht sie eine saloppe Bewegung mit der rechten Hand als ob sie etwas wegwerfen oder jemand einen Klaps geben möchte. Auch wenn diese Bewegungen nicht gleich lesbar sind, haben sie doch eine gewisse Kraft finde ich, weil sie noch eine weitere Ebene schaffen und eröffnen, die eben nicht oft eins zu eins zum Text stehen. Sie nimmt zwar Elemente aus dem Text die man eins zu eins deuten könnte, setzt sie aber wieder so ein, dass sie eben noch mehr erzählen, indem sie sie übertreibt oder leicht abstrakt zeichnet. Sie versucht all diese Bilder sehr einfach und klar zu zeigen.
In der zweiten Strophe geht sie wieder in die Haltung der eingestützten Hände in der Hüfte.
Wieder geht sie mit dem Finger an den Mund, diesmal aber an einer anderen Stelle, ihre Augen sind träumerisch, dann droht sie mit dem Zeigefinger an der Stelle wo der Accordeonist zum Pascha wird..macht dann aber mit einer intensiven klopfenden Geste auf ihre Brust klar, dass der Mann dafür den Java spielen muss, dass sie jetzt dran ist. Man sieht hier sehr deutlich dass sie mit wenig Gesten in die Rolle des Mädchens schlüpft und sozusagen aus deren Perspektive singt. Wieder wird das Akkordeon pantomimisch auseinander gezogen. Hier wiederholt sie was sie schon im ersten Refrain getan hat. Nichts ist völlig aus einer Improvisation oder in dem Moment, alles wirkt überlegt.
Bei "Greve" macht sie mit der rechten Hand eine wütende wegschleudernde Geste, die die Verzweiflung ausdrückt. "adieux tour le beaux reves" fasst sie sich an die Stirn, spielt also immer mehr in der Rolle. "Foutue" wieder eine wegwerfende Geste. Überlegend geht sie nun mit dem Zeigefinger an den Mund. Man sieht auch hier deutlich ihrer Interpretation, wie der Figur hoffnungsvoll einfällt, dass es da ja noch einen anderen Akkordoenspieler gibt. Und auch hier wiederholt sie das Bild vom Akkordeon und das zuhören des Javas ist jetzt schon wie das konsumieren einer Droge, oder die große Erleichterung wieder im Rausch zu sein. Man sieht es leider nicht ganz im Bild, aber ihre Anspannung wird immer größer je schneller der Song wird und sie beginnt im Takt des Walzers leicht mitzuschwingen (auch wieder abstrakt nicht eine direkte Übersetzung), bis der Schmerz zu groß wird der ihr ins Gesicht geschrieben steht und sie sich die Ohren zuhält um dann ihre Augen im gebeugten Arm zu verstecken.
Dann löst sie auf, man sieht noch ihre Ergriffenheit die auch noch eine Weile andauert bis sie wieder leicht lächeln kann. Edith Piaf!
Was machen andere?
Es gibt hiervon natürlich mehrere Beispiele wie z.B. der hervorragende Charles Aznavour, La Bohéme hier reichert er die Geschichte auch gestisch an, was zwar im ersten Moment eins zu eins wirkt, aber dann doch eine Verfremdung ist. Sehr schöne Idee mit dem Maler. Auch Lotte Lenya hat solche Dinge gemacht (klar sie hat ja auch mit Brecht gearbeitet), und verfremdete Gesten und Geschichten in die Liedinterpretation eingebaut. Finde jetzt leider kein gutes Beispiel. Die spielerischen Momente sind zwar mit dem Song und der Geschichte verbunden, sie erfindet aber komplett neue Situationen und macht so den Song dadurch mehr inhaltlich erlebbar auf eine abstrakte Weise, sehr schauspielerisch und für den Zuschauen mehr ein Hingucker. Das versucht auch Ute Lemper siehe unten.
Neuinterpretation
Eine sehr spielerische Variante vom Song Accordeonist sang Ute Lemper back in 1992:
Ute Lemper 1992 sie macht die Situation räumlich sehr groß und zeichnet deutlich die Figur, sie bleibt eins zu eins an der Geschichte und schafft doch abstrakte Momente. Eine spannende Variante auch wenn ich sie für sehr groß halte (undenkbar im Jazz) ist sie künstlerisch auf einem sehr hohen Niveau. Chapeau! Während ihre letzte Interpretation des Liedes 2017 zwar ein schönes Arrangement hat, aber leider zu einer grauenhaft ironische Fassung verfallen ist. Anstatt vielleicht mal zu reduzieren, reproduziert sie ihre eigene Fassung 1992 völlig überdreht und schafft genau das Gegenteil von dem was Edith Piaf meiner Meinung geschaffen hat. Sie denkt es wäre abstrakt, schätze ich mal, aber sie nimmt den Text nicht ernst, und malt nur statt in der Geschichte zu bleiben.
Deshalb (auch für mich) weniger ist immer mehr. Nur garnichts zu machen finde ich persönlich auch langweilig und unbeseelten Sängern zuzuhören ist für mich oft auch eine Qual. Also was machen? Wie geht das im Jazz
Und im Jazz?
Die einzige die das für mich geschafft hat das alles zu reduzieren aber doch erlebbar zu machen ist Billie Holiday.
Sie arbeitet zwar nicht so viel Gestisch und abstrakt aber mimische Elemente die auch Piaf nutzt sind erkennbar, also denkt sich oft den Text auch sehr inhaltlich und reichert so den Song sehr persönlich an und auch hier entsteht für mich eine Geschichte und eine zweite Ebene.
Billie Holiday "I love you Porgy"
Billie hat sich auch eine gewissen Haltung geschaffen, der rechte Arm ist häufig angewinkelt und schafft rhythmische eine gewissen Eigendynamik. Faszinierend. Meine Interpretation dazu ist, dass sie dadurch oft auch ihre phänomenale Time steuert... anderes Thema.
An ihren Blicken sieht man schauspielerisch genau was sie denkt, wenn sie an Porgy denkt, da ist eine persönliche Beziehung. Wenn man jetzt z.B. an Ella denkt, selbst die direkte und schauspielerische Nina Simon singt eine großartige Interpretationen von "Porgy" die aber weniger schauspielerisch gedacht ist im Gegensatz zu Billie (vielleicht versteht ihr jetzt was ich meine).
Ich finde Billie ist viel differenzierter in der Interpretation des Textes. Sie hat z.b. eindeutig jemand im Sinn den sie ansingt und schafft dadurch um den Bogen zu Piaf zu bekommen eben einen weitern Anziehungspunkt zusätzlich zu dem was sie mit der Phrasierung etc macht.
Das wäre für mich ein Vorbild für meine Interpretation, mal sehen ob ich das schaffe. Total reduzieren aber trotzdem das gedanklich zu schaffen was Billie Holiday gemacht hat.
Abschließend möchte ich sagen, als ich in New York war habe ich festgestellt, dass hier getrennt wird zwischen einem Cabaret Sänger (der mehr vom Musical kommt, der auch mehr Chanson singt) und einem Jazzsänger. (der mehr von der reinen Musik kommt)
Auch wenn beide vielleicht häufig das gleiche Repertoire singen, denn die Songs kommen ja bekanntlich vom Musical, spielt der Cabaret-Sänger mehr mit der Sprache und geht oft tiefer in die Geschichte rein (interpretatorisch) statt musikalisch emotional.
Hier noch zwei letzte Beispiele um diesen Unterschied vielleicht klar zu machen am Song
"But beautiful"
Die großartige Julie Wilson zwei Jahre vor ihrem Tod. Spricht sie hauptsächlich noch, aber der Text ist klar strukturiert und überlegt und die Gedanken bleiben am Text glasklar. Wie ich hörte hat sie auch von Billie Holiday gelernt.
Julie Wilson Cabaret Interpretation
Während der (häufig moderne) Jazzsänger oft mehr auf die Musik achtet und die Stimme natürlich.
In dem Fall habe ich jetzt Tony Bennet (naja nicht modern) und Lady Gaga gefunden, bei ihr merkt man deutlichen dass sie sich mehr auf den Gesang konzentriert ist statt auf was inhaltliches in dem Song.
Tony Bennet und Lady Gaga
Eine Version von Frank Sinatra ist was dazwischen muss ich zugeben, gut alte Schule und er hat auch mal n Oskar gewonnen:)
So jetzt sind wir zwar etwas abgedriftet von Piaf und vor allem Europa, aber für mich als Schauspieler war das noch mal wichtig zu beobachten.