Michael Cechov

Freitag, 19. Oktober 2018

Der Anfang

Da bin ich nun. Ich laufe mit meinem schweren Koffer über die Fußgängerbrücke, der Krach der Räder ist unerträglich peinlich, aber was soll's. Ich hieve das Monstrum die steile Treppe hinunter und erreiche eine alte, dunkle Bahnhofshalle, die mich fast an einen Kirchenraum erinnert.
Es riecht süß, jemand spielt Klavier.

Erschöpft setzte ich mich auf die runde Bank vor dem Gebäude und genieße die letzten Sonnenstrahlen des Sommers. Endlich bin ich da, ich versuche den Stress der Reise hinter mir zu lassen. Die Farben grau und dunkelrot dominieren. Backsteingebäude.
Die rote Leuchtreklame für Bier an den Häusern springt mir ins Auge.
Alles hübsch, sauber und ordentlich. Unzerstört.
Mir wird klar ich bin nicht mehr in Deutschland, ich bin in der „Fremde“.
Komisch, sinne ich nach, obwohl wir nur ein paar Meter weit von der Grenze entfernt sind, ist es doch spürbar anders hier.

Zwei Jahre wird dieses Land, welches die meisten Deutschen politisch unkorrekt Holland nennen, meine zweite Heimat werden. Zwei Jahre werde ich hier den Master für Jazzgesang am Conservatorium studieren. Viel Neuland für mich. Neue Sprachen, neue Begegnungen.
Ein bisschen wird mir mulmig bei dem Gedanken, aber ich sage mir, "raus aus der Komfortzone, trau dich!"

„Hoe gaat het“ ruft eine ältere Frau mit langen grauen Haaren einem eilig laufenden Mann entgegen, mir wird bewußt, dass ich die Landessprache nicht kann. Na ja so schwer wie chinesisch wird es nicht sein, denke ich, aber ich verstehe definitiv zu wenig und könnte nicht mal einen ganzen Satz sagen. Dabei wundere ich mich selber immer über Menschen die Jahre lang in Deutschland leben und kein Wort deutsch können, nun geht es mir ähnlich. Ich werde aber versuchen mein Bestes zu geben.

Mir fällt die Ruhe auf. Ja es ist deutlich ruhiger hier, wenn man von Berlin kommt.
Alles ist gepflegt, gut das ist im Vergleich zu Berlin nicht schwer, aber es fällt auf.
Ein schmunzeln überkommt mich bei dem Anblick der vielen Fahrräder.
Das Klischee scheint zu stimmen und wie selbstbewußt sie sind, denke ich.
Ich betrachte die kleinen hübschen Häuser wie ich so durch die Straßen schlendere, die typisch niederländische Bauweise. Es erinnert mich an England, Brooklyn oder Potsdam.
Neues ist hier gut in das Alte integriert, überlegt wie finde.
Mich erstaunt, dass ich auf der Straße gegrüßt werde, war ich gemeint? Im ersten Moment bin ich verunsichert, niemals würde mir das in Berlin passieren. Wow denke ich und grüße zurück. Wie selten wir das machen und immer den Blicken ausweichen und das Handy immer als Entschuldigung nehmen, aber es gibt einem doch so viel positive Energie. Mein mulmiges Gefühl wird gleich weniger und ich bin hier willkommen. 

Man sagt ja als Deutscher, ist es nicht immer leicht in den Niederlanden, alte Ressentiments.
Warum?!  Kann das denn nicht mal vorbei sein. Was ist der Grund? Klar der Krieg, die Nazis, aber vielleicht ist da noch was anderes? Ich möchte es erfahren.

Immerhin hat der Krieg eins geschafft, er hat uns zusammengeschweisst. Seit über 70 Jahren kein Krieg mehr. Das gab es noch nie und ist nicht selbstverständlich. Und wie man sieht, wird dieser Zusammenhalt in der letzten Vergangenheit immer wieder neu auf die Probe gestellt.
Ich finde Europa ein kostbares und schützenswertes Gut. Da geht es, meiner Meinung um viel mehr als wirtschaftliche Themen. Es um ein Zusammenleben der Menschen in Anerkennung und Respekt, für Tradition, von einander lernen, aber auch um das gemeinsame Gestalten unserer Zukunft, mit Themen die wir nur gemeinsam lösen können. Nun sind wir an der Reihe, die junge Generation die Europa mit neuen Impulsen und Ideen weiter tragen sollte. Doch wie kann ich meinen Beitrag dazu leisten?
Während ich überlege schweift mein Blick in die schöne Auslage der Geschäfte.
Wie kann ich überhaupt sagen "Ich bin Europäer"? Das ist doch sehr abstrakt, für mich mehr als ein Gefühl und eine Idee zu verstehen. Viel was wir von Europa in den Schlagzeilen hören, hat ja wenig mit uns zu tun, es geht wie immer um Geld und Macht. Langweilig. Wie kommen wir zusammen und wo ist das Gemeinsame?
Wie finden wir in der Fülle von Bräuchen, Kulturen und Sprachen einen gemeinsamen Atem?
Schon wieder drehen sich Menschen wegen des Krachs meines Koffers zu mir um.
Musik, denke ich lachend, als ich meinem Koffer lausche, Musik verbindet ohne Worte.
Musik kann es schaffen eine gemeinsame Sprache zu finden. Deshalb habe ich mir für meine Masterarbeit am Conservatorium vorgenommen nach musikalischen Verbindungen von mir zu Europa zu suchen. Wie kann mein musikalischer Beitrag dazu aussehen? Ich möchte nach Stilen, Klängen, Klischees, Gemeinsamkeiten, Unterschieden und natürlich nach Liedern und Geschichten suchen die mich und hoffentlich uns berühren. Ich möchte versuchen einen Klang für diese wunderbare Idee und das Projekt "Europa" zu finden.

Nun stehe ich gegenüber des Conservatoriums, einem dunklen alten Schulgebäude am Fluss und lehne mich ans Geländer. Ich schaue den Wellen nach. Sie fliessen nach Belgien, geht mir durch den Sinn, wir sind verbunden. Was wird das wohl für eine Reise werden? Wer weiß ob ich in zwei Jahren beherzter singen kann "Ich bin Europäer"?
"Heiter scheitern" denke ich mir wieder um dem wieder aufkommenden mulmigem Gefühl mit Blick auf die Schule zur vor zu kommen. Das wurde uns so oft in der Schauspielschule gesagt, um einfach einen Anfang zu machen und loszulegen. Das mache ich mit diesem ersten Post und ich freue mich über Eure Anregungen und Kommentare.
Auf jeden Fall ist das alles hier eine große Chance und bin am richtigen, geschichtsträchtigen Ort für diese Masterarbeit.
Ein vollgeladenes Schiff schleicht auf der rot schimmernden Maas vorbei und ich betrachte voller Hoffnung die Kirchtürme des wunderschönen Maastricht in der Abendsonne.




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